Finanzielle Freiheit / Unabhängigkeit sind totaler Quatsch

Finanzielle Freiheit oder auch Finanzielle Unabhängig sind Schlagwörter, welche seit einigen Jahren intensiv vor allem durch die Internet-Szene geistern.

Vielleicht tun sie das auch schon viel länger in ähnlicher Intensität und ich unterliege einfach nur einer subjektiven Wahrnehmung der letzten Jahre, da ich mich selbst erst seit einigen Jahren damit beschäftige. Leider fällt mir bereits seit langer Zeit auf, dass nahezu nur Leute über dieses Thema referieren, welche selbst - auch nach eigenen Angaben - nicht ansatzweise die finanzielle Freiheit erlangt haben, sondern ihre Idee, wie sie dies erreichen wollen, darstellen.

 

Das ist prinzipiell nicht schlimm. Man muss ja nicht alles selbst können oder erreicht haben um eine versierte Meinung zu einem Thema haben zu können und vor allem zu dürfen. Allerdings stolpere ich, der sich selbst als finanziell frei bezeichnet und nach der allgemein gängigen Situation wohl auch ist, ständig über Dinge, die ich so nicht bestätigen kann.

 

Es war mir daher schon länger mal ein Anliegen einfach meine persönlichen Erfahrungen und Meinung zu dem Thema loszuwerden, vor allem in den Punkten, wo meine praktischen Erfahrungen von der häufig dargestellten Realität abweichen. Ich habe gerade meine schriftliche Phase, weswegen ich dies in Form dieses Beitrages mache.


Ich strebe schon länger nach dieser Form des Lebens als ich den Begriff überhaupt kannte. Vermutlich ist es auch meinem besonderen Lebenslauf geschuldet, dass ich, die Begrifflichkeiten ein wenig abstrus finde, obwohl ich eigentlich die Reinstform dieser Bewegungen anstrebe bzw. sogar lebe. Dennoch:

 

Ich möchte frei und unabhängig sein.

 

Geld, also das primäre und wichtige Adjektiv der „finanziellen Freiheit“ als auch „finanzielle Unabhängigkeit“ spielen hierbei  eigentlich nur eine sehr untergeordnete Rolle. Denn:

 

a) Kann man extrem unabhängig und unfrei sein, obwohl man es von den Finanzen her ist

b) Kann man ein extrem unabhängiges und freies Leben führen, obwohl man es finanztechnisch her bei Weitem nicht ist

 

a) Abhängige / unfreie finanziell unabhängige

 

Ich kenne einige wenige Leute, welche finanziell definitiv unabhängig sind, oder sagen wir: Sein könnten. Menschen, welche entweder über solch ein Vermögen verfügen, dass sie (und zum Teil auch ihre Kinder) bei ihrem gewählten Lebensstil (mit teilweise noch viel Luft nach oben) nie mehr arbeiten bräuchten, und das Vermögen selbst ohne jedwede Rendite nicht verbrauchen könnten. Oder aber Menschen, welche über solch ein monatliches, „passives Einkommen“ (vor allem aus Immobilien) verfügen, dass keinerlei Arbeit mehr notwendig wäre. Diese Leute haben zum Teil nicht nur angestellte Vollzeitjobs, sondern und / oder arbeiten sich im Rahmen ihrer Selbstständigkeit selbst in ihrer 2. Lebenshälfte häufig „kaputt“. 

 

Erlaubt ist was Freude macht, daher soll dies an dieser Stelle überhaupt nicht bewertet werden, erst Recht nicht negativ. Es soll nur „finanziell Unabhängige“ aufzeigen, welche alles andere als frei und unabhängig sind, und deren Lebensweisen für mich absolut nicht erstrebenswert wären, da es mir zu unfrei und abhängig wäre.

 

Abseits von diesen selbst gewählten Abhängigkeiten kann ich mir noch viele weitere Beschneidungen in Freiheit und Unabhängigkeit vorstellen, welche finanziell Unabhängig Menschen haben können, aber für mich nicht erstrebenswert sind:

 

* Eigene gesundheitliche Defizite, die die Freiheit und Unabhängigkeit mehr oder minder stark einschränken 

* Kinder und Haustiere, oder Familie / Freunde allgemein, die die Unabhängigkeit oder Freiheit einschränken

* Gesetze / Politische Systeme, die die Unabhängigkeit oder Freiheit einschränken

* Verpflichtungen (Positionen, Ämter, selbstgenutzte Immobilie, etc.), die die Unabhängigkeit oder Freiheit einschränken

* etc.

 

Viel Spannender finde ich aber eigentlich die gegenteilige Betrachtung:

 

b) Unabhängige und Freie in finanzieller Abhängigkeit

 

Mein aktives Berufsleben, nach dem Studium / Ausbildung teilt sich grob in 3 Bereiche:

 

ca. 2009 - 2010: Eigene Selbstständigkeit

ca. 2011 - 2014: Selbstständigkeit mit einem Partner

seit ca. 2014: Finanzielle Unabhängigkeit ohne Arbeit

 

Bei meiner eigenen Selbstständigkeit hatte ich 2009 schon ca. 10 Jahre vorgearbeitet. Heißt: Ich habe bereits mit ca. 14-15 Jahren selbstständig online Geld verdient. Bis 2008 habe ich dies aber neben einem absolut herkömmlichen Leben getan. Ab ca. 2009 habe ich mich dann dazu entschieden kein abhängiges Beschäftigungsverhältnis mehr anzunehmen und nur selbstständig zu sein. Das ganze hatte einen Haken: Bis dato war ich genötigt meine Selbstständigkeit nebenbei mit ganz wenigen Stunden zu betreiben. Denn ca. 10 Stunden / Tag (inkl. Anfahrt, Abfahrt, Pausen, etc.) musste ich ganz normal in meiner Ausbildung arbeiten oder in meinem Studium in Vorlesungen sitzen. Ich hatte es gelernt sehr effizient mit meiner Selbstständigkeit Geld zu verdienen. 

 

Zusammengefasst habe ich in dieser eigenen Selbstständigkeit ca. 5 Stunden / Woche gearbeitet. Und diese Stunden konnte ich einerseits zeitlich mit großer Flexibilität schieben (es war also nahezu 5 Stunden an einem Tag in der Woche als auch 20 Stunden an 2 beliebigen Tagen im Monat theoretisch möglich gewesen), andererseits konnte ich diese Arbeiten (systembedingt bei Online-Unternehmungen) weltweit nur mit Hilfe meines Computers ausführen.

 

Ich war weit davon entfernt finanziell Unabhängig zu sein (denn es bedurfte definitiv geringer Arbeit meinerseits um das Einkommen beizubehalten und wirklich sicher und passiv war es nach meinigen Definitionen auch nicht), jedoch war ich zeitlich und örtlich absolut flexibel und in meiner Lebensweise extrem unabhängig und frei. Denn nahezu niemand oder nichts hätte mir an einem Tag irgendwie vorschreiben können, was ich zu tun oder zu lassen habe, an welchen Ort ich sein möchte oder wann ich was zu tun hätte.

 

Ich konnte jeden Tag aufstehen oder liegen bleiben, ich konnte jeden Tag an jeden Ort der Welt fahren (solange es dort Internet gibt). Der einzige Unterschied zwischen diesem Leben in 2009 und meinem heutigen Leben der „echten finanziellen Unabhängigkeit“ ab 2014 war: Ich musste irgendwann mal die Lust haben ein paar Stunden Dinge zu arbeiten, damit die weitestgehend automatisierte Selbstständigkeit am Laufen bleibt.

 

2011 bis 2014 war ein Zwischending mit extremeren Ausprägungen in beide Richtungen. Zur Veranschaulichung dieses Themas soll dies aber hier keine Rolle spielen.

 

Gegenüberstellen möchte ich meine 2010er Selbstständigkeit, wo ich einen ganz normalen Job mit hoher Effizienz erledigt habe (viel Geld für wenige Stunden Arbeit), weit entfernt von der finanziellen Unabhängigkeit war, aber

 

* zeitlich als auch örtlich absolut unabhängig war

* mir niemand eine Vorschrift machen konnte (abgesehen von Gesetzen, etc.)

* mir meine Arbeit Spaß gemacht hat

 

mit meiner heutigen „absoluten“ finanziellen Unabhängigkeit, wo alles identisch ist, außer

 

* ich „wesentlich“ weniger Geld zur Verfügung habe

* ich „gar nichts mehr“ arbeiten muss (aber leider auch nur schwer kann)

 

Damals war ich nicht so glücklich, wie ich es heute bin. Dies liegt aber definitiv nicht an der Situation, dass ich damals noch wenige Stunden etwas arbeiten musste, was mir unheimlich Spaß bereitet hat. Sondern daran, dass ich damals meine Möglichkeiten noch nicht nutzen konnte und sie nicht so genutzt habe, wie ich sie hätte nutzen können.

 

Müsste ich mich heute entscheiden zwischen

 

a) Zeitlich und örtlich einen Job, der mir Freude bereitet, nicht zu viele Stunden tun zu müssen,

b) Das gleiche Geld mit „absoluter finanzieller Unabhängigkeit“ ohne irgendwas tun zu müssen,

 

würde mir die Entscheidung schwer fallen. Ich liebe meine heutige finanzielle Freiheit. Ganz insbesondere aus einem riesigen Vorteil, den a) nicht hatte.*

 

Aber unabhängig von diesem absicherbaren Nachteil, ist unter bestimmten Bedingungen arbeiten zu dürfen / müssen gar nicht so schlecht, wie es den meisten, die nach finanzieller Unabhängigkeit strebenden, vorkommen mag.

 

Oben erwähnte ich meinen „besonderen“ Lebenslauf. Was meinte ich damit:

 

* Ich habe außer einer einzigen Ausbildung niemals abhängig beschäftigt gearbeitet

* Seit dem Ende meiner (ersten und einzigen) Ausbildung bin ich Vollzeit Selbstständig und hatte noch nie in meinem Leben

    * ein abhängiges Beschäftigungsverhältnis

    * einen Vorgesetzten / Chef

    * einen Tag wo ich arbeiten „musste“ und nicht einfach liegen bleiben konnte

    * eine Arbeit getan, die mir keine Freude bereitet hat (zumindest nicht häufig oder grundsätzlich)

    * nie mehr 40 Stunden / Woche (oder gar mehr) gearbeitet

 

Oder allgemein gesprochen: Noch nie in meinem Leben haben mich mein Job in irgendeiner Art- und Weise in meiner Freiheit oder Unabhängigkeit für mich nachteilig eingeschränkt und noch nie in meinem Leben habe ich das, was ich gearbeitet habe, gehasst. Sondern eher das absolute Gegenteil.

 

Vielleicht ist dies der Grund, warum mir das Streben nach *finanzieller* Freiheit / Unabhängigkeit von allen möglichen Menschen immer wieder aufstößt. Ich muss daher die Arroganz an den Tag legen und probiere mir vorzustellen, warum so viele Menschen nach der finanziellen Unabhängigkeit streben. Und da fällt mir ein Spruch zu ein, den ich sehr mag:

 

„Nicht der Montag ist scheiße, sondern eure Jobs!"

 

Bei den allermeisten Menschen scheint der Job der beschränkende Faktor von Freiheit und Unabhängigkeit zu sein.

 

Der Job, und das tun verständlicherweise wohl ein Großteil aller Angestellten-Jobs, diktiert eine zeitliche und örtliche Abhängigkeit. Und das ganze noch zu einem Großteil der Zeit, nämlich 5 / 7 Tagen. Und getan wird selbiger nur, weil das Geld zum Leben benötigt wird.

 

Ausgehend von dieser Betrachtungsweise erklärt es sich mir dann doch sehr, warum es die finanzielle Unabhängigkeit ist, welche als (höchstes) anstrebbares Ziel genannt wird.

 

Insbesondere weil die finanzielle Unabhängigkeit extrem schwer zu erreichen ist, soll der Sinn dieses Beitrages u.a. sein, dass du dich fragst, warum du eigentlich finanziell unabhängig sein möchtest. Und ob es nicht klüger ist die gewünschte Unabhängigkeit oder allgemein das gewünschte Leben zu erreichen, obwohl man nicht finanziell unabhängig ist. Mit einem Job, den man liebt, nicht zu viele Stunden bestreiten muss, und einem exakt die Attribute bietet, die man selbst möchte. (Es muss ja nicht jeder, so wie ich, die zeitliche und örtliche Unabhängigkeit anstreben. Vielleicht sind es ja andere Dinge, die dich glücklich machen und dein Lebensziel sind).

 

Nachdem ich nun einen ganzen Beitrag damit verbracht habe zu erklären warum die Begrifflichkeit der finanziellen Unabhängigkeit oder Freiheit bei mir Bauchschmerzen verursachen, und ich den Begriff für irreführend halte, möchte ich die Begrifflichkeit der finanziellen Unabhängigkeit trotz allem ab jetzt weiter verwenden.

 

Denn einerseits sind es die Finanzen, also die Abhängigkeit vom Job, die Sache die bei den allermeisten Menschen der Unabhängigkeit grundlegend im Wege stehen. Andererseits hat der Begriff eine Verbreitung, der einigen Menschen etwas sagt. Und schließlich bin und will ich ja auch finanziell Unabhängig sein.

 

Allerdings strebe ich allgemein nach Freiheit und Unabhängigkeit auf vielen weiteren Ebenen. Und obwohl ich die finanzielle Ebene hinter mir gelassen habe, habe ich noch immer Abhängigkeiten, welche ich nach und nach probiere aufzulösen.

 

* Weshalb ich die finanzielle Unabhängigkeit bedingungslos liebe

 

Die finanzielle Unabhängigkeit, nach meiner Definition, gibt mir eine Sicherheit, welche die anderen Szenarien grundlegend nicht mit sich brachten:

 

Ich bin in einem Alter wo man über die Option, dass ich morgen oder auch erst in x Jahren ein schwerst Pflegefall bin, nachdenkt. Ich habe in meinem Leben meine Arbeitskraft niemals abgesichert gehabt. Die oben genannten Szenarien, wo ich für Geld wenige Stunden gearbeitet habe, krankten in meinem Falle daran, dass ich beim Verlieren meiner Arbeitsfähigkeit nach wenigen Jahren einkommens- und darauf folgend mittellos und somit ein von der Existenzsicherung abhängiger Mensch gewesen wäre.

 

Meine aktuelle finanzielle Freiheit ist so solide aufgestellt, dass mein Vermögen binnen kürzester Zeit ein unabhängiger Dritter für mich weiter verwalten könnte und die Einnahmen daraus, soweit ich mit meiner kurzen Recherche richtig liege, in Verbindung mit meiner sehr guten Krankenabsicherung ausreichen um ein Leben lang meine finanziellen Notwendigkeiten auch dann zu bedienen, wenn ich ab morgen im Koma liegen würde. Automatisch ist somit natürlich auch meine „Rente“ abgesichert, wenn ich nicht direkt ein schwerst Pflegefall bin, sondern einfach nur alt, gebräuchlich und gar nicht mehr arbeitsfähig.

 

Dieses Wissen gibt mir eine verdammt tiefsitzende Beruhigung. Wie aber angedeutet, kann man so etwas theoretisch auch anders absichern (Stichworte  sind hier Berufs- / Arbeitsunfähigkeitsversicherung). Ich hatte dies nicht früh genug getan. Als ich reif genug war, war es nicht mehr möglich und dann auch relativ bald nicht mehr notwendig.

 

PS: Vielleicht fragst du dich, warum ich solch einen Artikel schreibe, während ich in Thailand, 2 Minuten vom Strand entfernt, morgens um 7:00 vor meinem Apartment sitze?

 

Weil ich finanziell unabhängig bin und verfluchte 24 Stunden am Tag füllen muss. Weil ich leider keine Arbeit mehr habe (mir fehlen die zuvor genannten 5 Stunden / Woche) und ich Spaß hier dran habe. Hätte ich noch meine 5 Stunden / Woche meiner ursprünglichen Arbeit würde ich damit nicht nur gutes Geld verdienen (wesentlich mehr Geld, als ich aktuell in meiner absoluten finanziellen Unabhängigkeit habe), sondern bräuchte auch nicht solche Artikel als Zeitvertreib schreiben.